Holzstoff- und Papierfabrik Zwingen AG

Die Holzstoff- und Papierfabrik Zwingen AG (Fabrique de Pâtes de bois et de Papiers Zwingen) wurde am 22. April 1913 in Zwingen von Papierfachmann Otto Erzer zusammen mit Camille Bauer aus Basel und weiteren Investoren aus Delsberg und Pruntrut gegründet. Als erster Direktor sollte Max Ehrenzweig den Betrieb leiten, aber als deutscher Staatsbürger wurde er schon 1914 in den Kriegsdienst eingezogen wurde. Wegen des Kriegsausbruchs verzögerte sich die Inbetriebnahme der Fabrik auf dem Areal des Wasserschlosses Zwingen bis 1916.
In den ersten Jahren lag die Firma mit der Gemeinde in einem zähen Streit um die Wegrechte auf dem Schlossareal, der im sog. «Schlossgassprozess» ausgetragen wurde.
Mit dem Erwerb der Birskraftwerke Dittingen und Zwingen erfolgte nach dem Ersten Weltkrieg der Aufschwung des Unternehmens. Schon 1918/19 konnte eine zweite Papiermaschine eingebaut und 1921 in Betrieb genommen werden. 1920 gliederte sich die H. der Eika an, einer Einkaufsorganisation der grössten Papierverbraucher in der Schweiz, die bereits im Jahr zuvor ein Aktienbündel erworben hatte. Die Eika baute den Betrieb stetig aus. In den 1920er Jahren wurde jede dritte Schweizer Zeitung auf Zwingener Papier gedruckt. So entwickelte sich die H. zum grössten unter den drei Laufentaler Papierherstellern (neben der Papierfabrik Laufen und der Ziegler Papier AG) mit bis zu über 240 Angestellten (1935). In den 1980er Jahren wurde sie mit rund 280 Mitarbeitenden zum zweitgrössten Arbeitgeber im Laufental.
1950 wurde eine dritte Papiermaschine mit den dazugehörigen Bauten eingerichtet. Die Anlagen wurden laufend modernisiert. 1974 wurden das Schloss und die Kapelle der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
1976 übernahm die H. von Ringier das traditionsreiche Papierunternehmen Papeteries de Serrières in Serrières (NE), was zu einer Erweiterung des Produktesortiments führte. Doch das Werk in Serrières musste schon fünf Jahre später schliessen.
Mit der Gründung der EFTA und ihren Auswirkungen in den 1960er und 1970er Jahren wurde das Binnenmarkt-Kartell der schweizerischen Papierindustrie aufgebrochen und die Eika verlor ihren Fokus als Schutzverband der verarbeitenden Industrie.
1981 übernahm die Biber Holding die Aktienmehrheit der H., während die Eika Minderheitsaktionärin blieb. Die Übernahme löste im Laufental zunächst Beunruhigung aus, da die zur Biber-Gruppe gehörende Papierfabrik Biberist 1970 bereits die Papierfabrik Laufen AG übernommen hatte und das Werk weniger als zwei Jahre später schliessen musste. Die neue Besitzerin baute den Standort Zwingen jedoch vorerst aus und richtete das Sortiment neu aus, insbesondere auf die Verwertung von Altpapier. 1988 kündigte sie einen Investitionsplan von CHF 100 Mio an. Doch die Biber Holding übernahm sich mit grossen Übernahmen und weiteren Investitionen in ihren Betrieben. 1991/1992 musste in Zwingen Kurzarbeit geleistet werden und es kam zu einem ersten Personalabbau (auf 230). Das Geschäftsergebnis blieb schlecht und im November 1992 gab es einen massiven Stellenabbau auf nur noch 80 Mitarbeitende. Im November 1993 wurde die Zeitungspapierproduktion in das Werk nach Utzenstorf (BE) verlegt und der Produktionsschwerpunkt in Zwingen ganz auf grafisches Recyclingpapier verlagert. Im Herbst 1994 stand der H. die Schliessung bevor, da nach zweijähriger Suche kein Käufer für das Unternehmen gefunden werden konnte. Den Mitarbeitern/-innen wurde per Ende Januar 1995 gekündigt. Doch im November 1994 bildete sich ein Konsortium aus den Gläubigerbanken (UBS und Berner Spar- und Leihkasse) und der deutschen Herlitz International Trading AG HIT, die zusammen zwei Drittel der Aktien übernahmen. Ein Drittel behielt das Management der H. in eigener Hand.
Die Übernahme gelang zunächst und schon 1996 plante das neue Management wieder Investitionen in Höhe von CHF 25 Mio. und schuf 30 neue Stellen. Die Herstellung konzentrierte sich jetzt gänzlich auf die Altpapierverwertung.
1997 wurde die HIT zu einem Sanierungsfall und zog sich zurück. In einem Management-Buy-out übernahm die damalige Firmenleitung die Aktienmehrheit per 1. Januar 1998, die UBS behielt ein Viertel der Aktien. 1998 stieg die Anzahl der Beschäftigten weiter auf 124 und Investitionen in Höhe von CHF 30 Mio. wurden versprochen. 2001 erzielte die H. ihren zweitbesten Geschäftsabschluss, doch die Basis blieb offenbar marode. Im selben Jahr wurde die Firma, die sich seit Jahren nicht mehr an die Gewässerreinhaltevorschriften hielt, von den Behörden ultimativ aufgefordert, ein Sanierungskonzept der Abwasserreinigung vorzulegen. Diese Investition konnte sich die Firma zu dem Zeitpunkt nicht leisten. Der damalige Direktor, Helmut Hennefeld, ging auf Konfrontation und drohte mit der Werkschliessung. Sein Nachfolger, Friedrich Schaer, konnte für das Problem zwar eine Lösung finden, aber auch dies verhinderte nicht, dass die Fabrik 2004 endgültig schliessen musste. Nachdem eine Initiativgruppe aus Kader und Gewerkschaften vergeblich versucht hatte, mit Lohnverzicht und Stellenabbau einen Neuanfang zu lancieren, verloren 125 Mitarbeiter/innen ihre Stelle.

Kiki Lutz, 30/04/2012
Letzte Aktualisierung: 30/01/2013

Archivbestände

SWA Schweizerisches Wirtschaftsarchiv Basel, Dokumentensammlungen Holzstoff- und Papierfabrik – Zwingen, Signatur: H + I Be 28

Bibliografie

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Basellandschaftliche Zeitung, 10. Oktober 1996
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Basler Zeitung, 15. Oktober 1981, 23. November 1981, 24. August 1983, 21. November 1991, 16. Januar 1992, 16. April 1994, 10. Oktober 1996, 22. November 2002, 16./17./19./21. April 2004
Fritz Buchwalder, «Zwingen: 75 Jahre Papierfabrik», in Laufentaler Jahrbuch Nr. 3, 1988, S. 83-86
Der Bund, 16. Juni 1964
René L. Frey (Hg.), Papier und Wir. Ziegler Papier. Spezialisierung und Innovation eines erfolgreichen Schweizer Familienunternehmens, Grellingen 2011, S. 36
Alban Müller, Die Entwicklung der Industrien im unteren Birstal mit besonderer Berücksichtigung des Standortes, Dissertation Universität Basel, Laufen 1940, S. 120-132
Franz Hueber, «Passerelle oder Brücke? Von einem Wegrecht, das am Schluss keines mehr war», in Laufentaler Jahrbuch Nr. 18, 2003, S. 97-104
National-Zeitung Basel, 25. November 1976
Neue Zürcher Zeitung NZZ, 24. November 1976, 26. Oktober 1994, 25. November 1994, 10. Oktober 1996
Emil Richterich, «Die industrielle Entwicklung und die neue Zeit (1875 bis 1971)», in Albin Fringeli et al., Laufen, Laufen 1986, S. 159-192
Antonia Schmidlin, «Erzer, Otto», in Historisches Lexikon der Schweiz [Online-Version], Stand vom 12.04.2012: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D43177.php
Peter F. Tschudin, Schweizer Papiergeschichte, Basel 1991, S. 86-87, 152