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Basswitz-Handel

Der sog. Basswitz-Handel ist nach Herrmann Basswitz (oder Gasswitz, Basvitz, Bassewitz) benannt, einem jüdischen Arzt aus Preussen, der nach Saint-Imier auswanderte, wo er u.a. 1844 das Bezirksspital gründete. Basswitz wurde zum umfreiwilligen Verursacher der militärischen Besetzung des Vallon de Saint-Imier im Januar/Februar 1851. Die Wahl einer konservativen neuen Berner Regierung (mit Eduard Blösch, Regierungspräsident, Auguste Moschard, Erziehungsdepartement, und Xavier Elsässer, Justiz- und Polizeidirektion) bei den kantonalen Wahlen im Mai 1850 führte zu einer ganzen Reihe von Zwischenfällen im Kanton Bern und besonders im mehrheitlich liberalen Vallon de Saint-Imier.

Der um 1811 in Frankfurt an der Oder geborene Herrmann Basswitz verliess seine Heimat vermutlich aus politischen Gründen. Sein Werdegang ist weitgehend unbekannt, bis er sich im Jahr 1837 als Inhaber eines französischen Passes in Saint-Imier niederliess. Er schloss daraufhin an der Universität Bern sein Studium ab und unterrichtete dort auch als Dozent an der medizinischen Fakultät. Basswitz wurde Mitglied der Berner Ärzte- und Chirurgengesellschaft und übte seinen Beruf ab 1841 in Saint-Imier aus.

Basswitz engagierte sich stark in der Gemeinde, gründete das Bezirksspital und mit anderen zusammen die örtliche Sekundarschule. Aufgrund seiner Beliebtheit bei der lokalen Bevölkerung wurde er 1846-1850 sogar in den Gemeinderat gewählt, obwohl dies gegen das Gesetz verstiess. Basswitz besass lediglich eine Aufenthaltsbewilligung und ab dem 19. August 1844 eine Toleranzbewilligung, die bis 1849 jährlich erneuert wurde. Eine Niederlassungsbewilligung hatte er nie erhalten, sie wurde ihm auch von den Kantonen Neuenburg und Solothurn verwehrt. Als seine Toleranzbewilligung am 1. Juli 1850 ablief und die neue konservative Regierung im Zuge neuer, strengerer Massnahmen gegen Zugewanderte sie nicht erneuern wollte, spitzte sich die Lage zu. Aufgrund des fehlenden Aufenthaltrechts erhielt er am 2. September 1850 den Ausweisungsbescheid aus dem Kanton Bern.

Die Nachricht schlug im Vallon wie eine Bombe ein, denn Basswitz genoss bei der Bevölkerung, die ihn als "ihren Arzt" betrachtete, viel Sympathie. Es kam zu Protestaktionen, woraufhin die Berner Regierung den liberalen Anwalt Edouard Carlin zusammen mit dem konservativen Regierungsrat Auguste Moschard in die Unruheregion entsandte, um die Sachlage einzuschätzen und zu berichten. Am 9. September 1850 wurde der Ausweisungsbefehl von der Regierung bis zum Abschluss der Untersuchungen vorläufig ausgesetzt. Doch bereits am 16. Dezember 1850 erhielt Basswitz Bescheid, dass die Aussetzung per 15. Januar 1851 enden würde. Dies obwohl inzwischen 1700 Unterschriften zu seinen Gunsten gesammelt worden waren. Am 13. Januar 1851 errichtete jemand auf dem Ortsplatz einen Freiheitsbaum, worauf es zu Auseinandersetzungen zwischen Konservativen und Liberalen kam.

Als die Situation unhaltbar wurde, entsandte Regierungsstatthalter Lombach (1810-1855) den als «Broyeur de l’Oberland» (Schredder aus dem Oberland) bekannten Oberst Gerwer (1805-1876) mit zwei Reservebataillons à 400 Mann gegen die Aufständischen. Basswitz entschied sich daraufhin für eine unauffällige Abreise und begab sich am 15. Januar 1851 nach Cernier (NE). Nur einen Tag später hätte er von der französischen Botschaft in der Schweiz einen Pass erhalten, inklusive Reisevisum, um sich via Departement Doubs nach England oder Amerika abzusetzen.

In Cernier blieb Basswitz nur vorübergehend. Er zog weiter nach Le Locle (NE) und ersuchte die Behörden noch im selben Monat Januar um eine Bewilligung zur Berufsausübung im Kanton Neuenburg. Am 14. Februar 1851 wurde er nach Aufforderung der kantonalen Gesundheitskommission zu Prüfungen zugelassen. Basswitz verzagte nicht und erneuerte sein Gesuch am 9. Dezember 1851. Am 13. Januar 1852 erhielt er endlich die Praxisbewilligung.

Als Freimaurer trat Basswitz schon kurz nach seiner Ankunft in die 1774 gegründete Loge von Le Locle ein, die älteste in der Schweiz. Die Initiationsriten hatte er bereits in Paris abgelegt. Er blieb bis zu seinem Lebensende Mitglied dieser Loge, obwohl er inzwischen in Genf wohnhaft war.

Am 1. Oktober 1856 nahm Basswitz in La Chaux-de-Fonds Wohnsitz und heiratete dort Ida, geboren 1835, geborene Basswitz, die aus demselben deutschen Ort stammte wie er. Neun Jahre später, im Juli 1865, siedelte das Paar nach Genf um, wo Basswitz am 8. April 1867 kinderlos starb.

Im Berner Jura entwickelte sich der B. indes so weiter: Am 16. Januar 1851 forderte Statthalter Lombach wegen Überlastung beim Regierungsrat Unterstützung an. Ihm wurde Abraham Boivin, Bezirksrichter von Moutier, als Kommissar zur Seite gestellt. Er erhielt den Auftrag, eine Untersuchung der Vorfälle im Vallon de Saint-Imier vorzunehmen und die Anführer zu verhaften. Unter ihnen waren Pierre Mosimann, Jules Ketterer, Jérôme Bourquin sowie der Anwalt und Grossrat François Gigon, ein Freund von Basswitz. Sie wurden alle ein Jahr später begnadigt.
Am 17. Januar 1851 zählte die militärische Besatzung im Vallon de Saint-Imier 1200 Mann und 60 Pferde. Da sich der Aufruhr nun nach und nach legte, verliessen die Truppen allmählich die Talschaft, bis die insgesamt 26tägige Besetzung am 13. Februar 1851 ganz aufgehoben wurde.

Zu den Gründen für die Ausweisung von Basswitz dürfte seine politisch aktive Haltung als Liberaler gezählt haben wie auch sein Status als ausländischer Jude, den man einfach zum Sündenbock machen konnte.

Robin Moschard, 30/04/2012
Übersetzung: Kiki Lutz, 9/02/2017

Archivbestände

Mémoires d’Ici (Saint-Imier), Dokumentation «Herrmann Basswitz»
Archives municipales de Saint-Imier, «1851, Saint-Imier, Procédure sur les troubles de cette contrée»: Untersuchung zu den Unruhen im Januar 1851 durch den ausserordentlichen, von der Regierung entsandten Kommissär Abraham Boivin (1815-1885)
Archives de l’Etat de Genève, Zivilstandsakten
Archives de l’Etat de Neuchâtel, Sonderdokumentation Basswitz: handschriftliche Verfügung betr. Charles Breting, 20 Jahre, Le Locle, 19 März 1859.

Bibliografie

Christophe Zürcher, «Herrmann Basswitz», in Historisches Lexikon der Schweiz, Online-Version vom 06.05.2004
Beat Junker, Histoire du canton de Berne depuis 1798, volume II : La Naissance de l'Etat démocratique 1831-1880, Société d'histoire du canton de Berne ; Staempfli SA, 2005, S. 222-223
Robert Félamine, Saint-Imier et le vallon de nos ancêtres, Intervalles, 1998, S. 59, 124, 137, 145, 154, 185, 186, Anmerkungen 39-45
Victor Erard, Xavier Stockmar, patriote jurassien, 2. Bd., 1971, S. 155-160, 161, 162