Tschäni [Tschäny], Hans «der Rebell» (1677-?)

Bürger von Dittingen. Geboren 1677. Gestorben in hohem Alter in Dittingen. Verwitwet, fünf Kinder. Von Beruf Bauer mit einem mittleren Betrieb. T. stand während der Landestroubeln von 1731 bis 1740 in Kontakt zu Pierre Péquignat in Pruntrut und gilt in der lokalen Geschichtsschreibung als Hauptanführer der Rebellion im Laufental, was ihm in manchen Texten auch den Übernamen «der Rebell» eintrug.

T. bekleidete kein offizielles Amt in der Gemeinde, als sich Dittingen 1731 zusammen mit einigen anderen Laufentaler Gemeinden dem Widerstand der jurassischen Aufständischen in der Ajoie und in den Freibergen anschloss. Er soll sich jedoch um Vollmachten von Dittinger Bürgern bemüht und sich als deren Vertreter bei der Beschwerdeführung gegen die Verwaltungsreform des Fürstbischofs Johann Konrad von Reinach-Hirtzbach engagiert haben. Die Dittinger klagten insbesondere über die Art der Nutzung des Dittinger Walds durch fürstbischöfliche Beamte. Spätestens nachdem die Beschwerden abgewiesen wurden, und die Aufständischen direkt beim Reichshofrat in Wien ihre zahlreichen Klagen einreichten, wurde T. offenbar auch über seine Gemeinde hinaus aktiv und bekannt.

T. hat verschiedene Formen des Widerstands und der Anführerschaft ausgeübt, wobei er sich meist am Vorbild der jurassischen Aufständischen in der Ajoie orientierte. Das Spektrum der Anklagepunkte in dem später gegen ihn verhängten Urteil reichte vom geheimen Kontakt zu den Anführern in der Ajoie und Teilnahme an deren illegalen Versammlungen, über Ungehorsam gegenüber dem Fürsten, passiven und aktiven Widerstand bis zur Anstiftung anderer Untertanen und Ausübung von Zwang gegen abtrünnige Aufständische.

Spätestens ab 1734 verweigerten er und die meisten Dittinger in passivem Widerstand gegen die bischöfliche Verwaltungsreform alle Steuerzahlungen und Frondienste. Am 10. Februar 1735 traf T. Pierre Péquignat im Restaurant Ochsen in Laufen persönlich und nahm neue Anweisungen für den gemeinsamen Widerstand entgegen. Ende April 1735 soll T. mit Gefolgschaft vor dem Turm in Zwingen erschienen sein, um einen wegen Holzfrevels verurteilten Mitbürger freizubekommen. Der Landschreiber Kern – der während der Troublen im Laufental als Repräsentant der bischöflichen Macht zu T.s direktem Hauptwidersacher wurde – wollte die Protestierenden ebenfalls verhaften, doch T. entkam knapp. Offenbar wurde T. von weiten Teilen der Bevölkerung gedeckt und die Macht der Beamten reichte nicht aus, ihn zu fassen. Er führte seinen Protest jedenfalls offen fort, z.B. als er dem Landschreiber Kern (nach dessen eigenen Angaben) am 30. Mai 1735 zusammen mit anderen Männern aus Brislach, Blauen, Röschenz und Zwingen offiziell kundtat, dass sie sich die umstrittenen Rechte auf Wald und Weide während der Dauer des Prozesses einfach aneignen würden. Ausserdem soll T. Bürger seiner Gemeinde zur illegalen Bewirtschaftung des bischöflichen Waldes auf eigene Rechnung angeleitet haben. Diese autonome Forstwirtschaft und der Versuch der Dittinger Landleute, das Holz auf der Birs nach Basel zu verfrachten, dauerte den ganzen Herbst 1735 über. T. soll sich dabei als Kassier betätigt haben, wobei er keine Rechenschaft ablegte, sondern nur gelegentlich auf die hohen Reisekosten nach Pruntrut und die Prozesskosten verwies.

Auch nach dem definitiven Wiener Urteil vom 10. Januar 1736, das alle Beschwerden der Aufständischen abwies, soll T. seine Mitbürger zur Aufrechterhaltung des Widerstandes aufgerufen und das Urteil als Fälschung bezeichnet haben. So tagte kurz darauf eine unerlaubte Gemeindeversammlung in T.s Haus, welche den bischofstreuen Bannwart der Gemeinde durch einen Aufständischen ersetzte. Mit Zwang und Drohungen reagierte er, als einige Dittinger sich mit dem Landschreiber in Zwingen über eine Holzsteuer einigen wollten. T. soll ihnen mit Totschlag und Niederbrennen der Häuser gedroht haben. In der Nacht vom 8. Juli 1738 griff er zusammen mit Dittinger und Röschenzer Knabenschaften das Eigentum dieser weniger rebellisch eingestellten Dittinger an und demolierte es. Es kam zu langwierigen Verhören und Androhungen, doch vermochte der Landschreiber offenbar immer noch nicht, T. festzunehmen.

Erst als der Bischof von Frankreich militärische Unterstützung erhielt und Péquignat am 30. April 1740 verhaftet worden war, ging an die Laufentaler Gemeinden ein Befehl zur Entwaffnung. Solothurn sperrte auf Ersuchen des Bischofs die Strassen, um ein Entkommen der Rädelsführer zu verhindern. In dieser aussichtslosen Situation stellte sich T. am 5. Mai 1740 dem Landschreiber Kern auf Schloss Zwingen. Er wurde sofort festgenommen; der Widerstand brach im Laufental und anderswo in dieser Zeit endgültig zusammen.

T. wurde zusammen mit einigen anderen Laufentaler Aufständischen angeklagt. Am 2. Dezember 1740 wurden in Laufen die Urteile gefällt. T. wurde als einziger Laufentaler zum Tode durch das Schwert verurteilt, ansonsten betraf die Todesstrafe nur Anführer aus dem französischsprachigen Jura.

Neben seinen rebellischen Aktionen, die eher lokal begrenzt waren, dürfte dieses harte Urteil und die als dramatisch überlieferten Umstände seiner Begnadigung einiges zu T.s Nachruhm beigetragen haben: Am 13. Dezember 1740 wurde T. zur Richtstätte im Schlosshof von Zwingen geführt. Er sass bereits vor dem Scharfrichter, als der Landschreiber im letzten Moment Einhalt gebot und die Umwandlung des Urteils in lebenslange Haft verkündete. T. soll daraufhin einen Nervenzusammenbruch erlitten haben und wurde vom Bader zur Ader gelassen. Neben den hohen Gerichtskosten musste er auch die Kosten für den Scharfrichter übernehmen. Am 17. Dezember wurde er nach Schloss Pfeffingen in Haft gebracht.

Am 22. Mai 1744 erliess Bischof Rinck von Baldenstein einen Gnadenerlass und T. durfte nach Dittingen zurückkehren – angeblich wegen guten Betragens und auf Fürbitten seiner Verwandten und eines Pfarrers. Dabei musste er den sog. Urfehdeschwur leisten, d.h. er durfte Dorf und Bann nie verlassen und ausser mit dem Pfarrer nur mit seinen Verwandten Umgang pflegen. Gemeindeversammlungen musste er fortan fernbleiben. T. starb als alter Mann in Dittingen.

Kiki Lutz, 22/08/2013

Bibliografie

Ernst Baumann, «Der Dinghof und die Stadt», in Albin Fringeli (Hg.), Laufen, Laufen erw. Auflage 1986, S. 55-58
Albin Fringeli, Das Amt Laufen, Bern 1946, S. 11
Werner A. Gallusser, «Das Laufental als Heimat der Bevölkerung und regionale Wirklichkeit», in Andreas Cueni (Hg.), Lehrblätz Laufental, Zürich 1993, S. 11-28
Leo Jermann, «Das Dorf Blauen (Laufental)», in Jurablätter Jg. 21, 1959, S. 49-77
Roger Jud, Reiseführer Laufental, Promotion Laufental (Hg.), Laufen 2009, S. 13
Amédée Membrez, «Landestroublen im Amt Zwingen», in Laufentaler Jahrbuch Nr. 24, 2009, S. 98-109
Auguste Quiquerez, Histoire des troubles dans l'Evêché de Bâle en 1740, Delsberg, 1875, S. 141, 218-224, 264
Alfred Scherrer, Die Herrschaft Zwingen, das Schloss und seine Geschichte, Bann und Dorf, die Bewohner, Handwerker, Gewerbe und Industrie, bearb. und zusammengestellt von Leo Jermann im Auftrag des Einwohnergemeinderates Zwingen, Laufen 1963, S. 52-55
Albert Schnyder, «Das 18. Jahrhundert. Konsolidierung und Ende des Ancien Régime», in Nah dran, weit weg. Geschichte des Kantons Basel-Landschaft, Bd. 4, Liestal 2001, S. 32-38
Fritz Schröder, «Der Anteil des Laufentals an den Troublen im Fürstbistum Basel von 1730-1740», in Der Rauracher, Jg. 2, Nr. 3, 1930, S. 30-34
Andreas Suter, "Troublen" im Fürstbistum Basel (1726-1740). Eine Fallstudie zum bäuerlichen Widerstand im 18. Jahrhundert, Göttingen, 1985
Hans Tschäni-Halbeisen, «Die Zeit von Hans Tschäni», in Heimatkunde Dittingen, Dittingen 2005, S. 52-59
Josef Weber, Wahlen. Unser Dorf in der Geschichte des Laufentals, Wahlen 1977, S. 280-283