Laufentalfrage - Separatismus / Antiseparatismus im Laufental

Kurze Übersicht über die historischen Ereignisse
Wie der Grossteil der Gebiete des ehem. Fürstbistums Basel wurde auch das Laufental 1815 vom Wiener Kongress im Zuge einer Kompensationshandlung dem Kanton Bern zugeschlagen. Diese Situation führte zu einigen Spannungen, denn der mehrheitlich katholische Bezirk liess sich nicht nahtlos in den reformierten Kanton Bern integrieren. Wie in den französischsprachigen und ebenfalls katholisch geprägten Gebieten des Jura kam es bereits im 19. Jh. zu einigen Auseinandersetzungen mit konfessionellem Hintergrund, z.B. im Kulturkampf 1873-1880. Im 19. Jh. war jedoch im Laufental von einer Trennung vom Kanton Bern noch kaum die Rede (mit wenigen Ausnahmen, wie z.B. den nächtlichen Aktionen des Franz Joseph Ferdinand Gerster). Im Vordergrund stand vielmehr die Forderung nach einem eigenen Bezirk für die deutschsprachigen Laufentaler Gemeinden, um innerhalb des Kantons eine gewisse politische Eigenständigkeit erlangen zu können (1846 wurde diese Forderung erfüllt).
Auf politischer Ebene flackerte die Frage der Kantonszugekörigkeit des Laufentals im Fahrwasser der Jurafrage in den 1950er Jahren des 20. Jh.s kurz auf. Vor der ersten Jura-Abstimmung 1959 beteiligten sich auch Kräfte im Laufental aktiv an den Kampagnen. So machte sich z.B. der aus Roggenburg (damals noch Bezirk Delsberg) stammende Vizepräsident des Rassemblement Jurassien, Adolf Walther, in seiner Zeitschrift Der Laufentaler für eine Loslösung des Jura inkl. Laufental vom Kanton Bern stark. Er veröffentlichte sogar eine Skizze für ein Laufentaler Sonderstatut innerhalb einer künftigen jurassischen Kantonsverfassung. Auf antiseparatistischer Seite bot u.a. die Zeitung Der Volksfreund seinen Argumenten Paroli. Die Laufentaler stimmten 1959 schliesslich deutlich probernisch ab.

Ihre eigentliche Dynamik entfaltete die Laufentalfrage nach den Juraplebisziten der 1970er Jahre: 1970 räumte das Berner Stimmvolk den jurassischen Bezirken ein Selbstbestimmungsrecht ein, wonach sie selbst über ihre politische Zukunft entscheiden konnten. Der Amtsbezirk Laufen erhielt zudem das Recht, sich im Fall einer Abtrennung des Jura einem anderen benachbarten Kanton anzuschliessen.
1974 stimmten die Laufentaler/-innen gegen eine Trennung von Jura und Bern – was aufgrund der Vorlage auch für Separatisten/-innen, die einen Wechsel zu einem dritten Kanton bevorzugten, der einzig mögliche Weg war.
Für den geografisch und wirtschaftlich inzwischen stark in die Region Basel eingebundenen Bezirk stand nach der Jura-Abstimmung von 1974 fest, dass er zu einer Berner Exklave in der Nordwestschweiz werden würde. In dieser Situation wurde eine Abstimmungsreihe anberaumt, um den Wunschkanton des Bezirks zu ermitteln. Begleitend wurde eine schweizweit einmalige Institution geschaffen: Die Laufentaler Bezirkskommission hatte die Aufgabe, die Interessen des Laufentals in der Kantonspolitik zu vertreten und die Grundlagen für einen Volksentscheid über die weitere Kantonszugehörigkeit zu erarbeiten. In der vom Volk gewählten Kommission waren von Anfang an sowohl Proberner, wie auch Separatisten vertreten, die Proberner allerdings immer in der Minderzahl.
1975 entschieden sich die Laufentaler/-innen gegen einen Beitritt zum Kanton Jura. 1978 stimmten sie deutlich für die Einleitung eines Anschlussverfahrens an einen benachbarten Kanton. Mit diesen beiden Entscheiden stellten sie sich selbst vor die Wahl zwischen Bern, Basel-Landschaft, Basel-Stadt oder Solothurn.

1980 wurde in weiteren Abstimmungsverfahren der Kanton Basel-Landschaft als Wunschkanton ermittelt. Nun stand die Frage "Bern oder Baselland?" zur Debatte. Nach einem äusserst hitzig und intensiv geführten Abstimmungskampf entschieden sich die Stimmbürger/innen am 11. September 1983 für Bern. Doch in der Folge wurde bekannt, dass der Kanton Bern in ungebührlicher Weise in den Abstimmungskampf eingegriffen hatte, indem er die Proberner Kampagne aus geheimer Kasse mitfinanzierte. Die sogenannte Berner Finanzaffäre führte dazu, dass das Bundesgericht die Abstimmung annullierte und eine Wiederholung verfügte. Nach einem weiteren, mindestens so heftigen Abstimmungskampf, entschied sich die Bevölkerung am 12. November 1989 knapp für den Kantonswechsel und am 1. Januar 1994 wurde das Laufental offiziell zum 5. Bezirk des Kantons Basel-Landschaft.

Neben der Einmaligkeit und Länge dieses Gebietsveränderungsprozesses, ist das grosse Engagement bis zur Verbissenheit und das Erlebnis der Heftigkeit in der Austragung der Konflikte bemerkenswert – und der eigentümliche Kontrast, der dieses Erleben zu den sorgfältig eingefädelten rechtlichen Voraussetzungen und dem so vorbildlich erscheinenden demokratischen Entscheidungsprozess bot. Das kleine Laufental sorgte lange für Schlagzeilen und für in der Schweiz extrem hohe Stimmbeteiligungen bei den Abstimmungen. Die Debatten wurden unter aktiver Beteiligung fast der ganzen Bevölkerung geführt: Unzählige Komitees wurden gegründet (s. Artikel: Proberner, Probaselbieter), Vereinigungen, Kirchen, Firmen und Institutionen prüften Konsequenzen für alle möglichen Lebensbereiche (Steuerbelastung, Schulsystem, Gesundheitswesen etc). Die Propaganda beider Seiten schlug hohe Wellen und führte zu einer Spaltung der Gesellachaft in zwei Blöcke, die jeweils mit Feindseligkeit und Empörung aufeinander reagierten. Auf parteipolitischer Ebene waren die Blöcke durchmischt, obwohl sich eine klare Tendenz der CVP zum Separatismus und der FDP zum Antiseparatismus abzeichnete – allerdings mit gewichtigen Ausnahmen auf beiden Seiten. Ebenso wurde die Laufentaler Presse miteinbezogen: Die CVP-nahe Nordschweiz verstand sich als Sprachrohr für die Probaselbieter; der freisinnige Volksfreund für die Proberner.
Dieser demokratische Dampfkochtopf, der unter dem Hochdruck einer ungemein hohen Beteiligung kochte – wie man es sich eigentlich nur wünschen kann – verhinderte nicht, dass der Prozess an die Grenzen seines rechtsstaatlichen Rahmens geriet: Auf beiden Seiten wurde äusserst unsachlich argumentiert, Hass aufgebaut und vor illegalen Mitteln und Vandalenakten nicht zurückgeschreckt. Diese seltsame und heftige Dynamik, gehört für viele direkt Beteiligte und aussenstehende Beobachter zu den prägenden Erinnerungen an die Laufentalfrage.

Die Zeit nach dem Übertritt verlief dann wieder eher ruhig. Die Laufentalfrage verschwand weitgehend aus den Schlagzeilen, die Rechtspflegekommission zog nach zehn Jahren eine insgesamt positive Bilanz zu einem gelungenen Kantonswechsel. Politiker aus beiden ehemaligen Lagern setzen sich nach wie vor für die speziellen Interessen des Bezirks im neuen Kanton ein (z. B. im Landrat, s. Artikel: Aebi, Heinz; Richterich, Rolf); Auch die weiterhin bestehende Vereinigung Berntreuer Laufentaler versteht sich als Wahrerin der Laufentaler Interessen im neuen Kanton und hat sich u.a. 2012 wieder zu Wort gemeldet, um gegen das Baselbieter Sparpaket Stellung zu nehmen (TagesWoche, 14. Mai 2012, Online-Version, Stand: 06.06.2012).

Geschichtsschreibung
Eine ausgezeichnete aber sehr kurze Übersicht über die wichtigsten Hauptlinien des Prozesses gibt der Artikel «Laufen, BL Bezirk» von Anna C. Fridrich im Historischen Lexikon der Schweiz.
Eine ausführliche Behandlung bietet das sehr zeitnah entstandene Buch Lehrblätz Laufental. Vom schwierigen Weg der direkten Demokratie (Hg. Andreas Cueni, Zürich 1993, mit Beiträgen von Andreas Cueni, Werner A. Gallusser, Christian Jecker, Martin Brodbeck, Thomas Fleiner-Gerster, Kaspar Noser, Hans Tschäni, Georg Kreis, Rudolf Hafner, Felix Auer, Heinz Däpp). Das Buch entstand kurz vor der eidgenössischen Abstimmung zum Kantonswechsel im Herbst 1993 und bietet auch "nichteingeweihten" Miteingenossen eine vertiefte Analyse dieses demokratischen Prozesses und seiner Herausforderungen und Schwierigkeiten bei der Umsetzung. Obwohl das Buch keine neutrale Perspektive einnimmt – keiner der Autoren war ein Gegner des Kantonswechsels – bleibt es durchwegs sachlich und bietet eine Fülle von Material, Informationen, Einblicken wie auch eine Chronologie und wichtige Gesetzestexte im Anhang.
Zu erwähnen ist auch die wertvolle Bibliographie zur Geschichte des Laufentals von Daniel Hagmann (Liestal, 1994). Sie bietet nicht nur Angaben zu Quellen und Literatur des Kantonswechsels, sondern eine wohl nahezu vollständige Sammlung von Literaturangaben, Quellen, Archiven etc. zu allen historischen Themen zum Laufental (Kirche, Landwirtschaft, Gemeinden, Bevölkerung etc.), die bis zum Kantonswechsel entstanden sind.
Ebenfalls von Daniel Hagmann ist die Studie Grenzen der Heimat (Liestal 1998), die als Forschungsprojekt an der Forschungsstelle Baselbieter Geschichte (FBG) entstanden ist. Sie erforscht die komplexen Fragen um das territoriale Zugehörigkeitsbewusstsein der Bewohner/innen des Laufentals um 1998 aus wissenschaftlicher Sicht. In Gesprächen mit älteren Zeitzeugen und unter verschiedenen Fragestellungen nach Grenzen, Konflikten, Herrschaft, geografischen Räumen, Heimatbildern, Geschichtsbildern, Identitäten und deren Konstruktionen und politischen und sozialen Zusammenhängen wird die Entstehung und Anatomie von Bindungsmustern und Zugehörigkeitserleben nicht abschliessend aber sehr sorgfältig analysiert und beleuchtet.
In dem Aufsatz «Alles im Fluss. Heimaterfahrung und -konstruktion am Beispiel des Laufentals» (in Kommission für das Baselbieter Heimatbuch Hg., Heimat?. Baselbieter Heimatbuch 26, Liestal 2007, S. 49-56) legt Daniel Hagmann einige Gedanken und Erkenntnisse zur Heimatkonstruktion aus der Studie nochmals kurz dar und legt das Augenmerk auf das Leben im Wandel und wie sich Heimatbilder dazu verhalten.
Wie die Propaganda im langjährigen Abstimmungskampf zur Laufentalfrage gezielt die emotionale Ebene des Heimatbegriffs ansprach und verwendete, untersucht die Lizentiatsarbeit von Claudio Hänggi, Die Laufentalfrage 1983-1993: die Verwendung scheinrational-emotionaler Propaganda zur Identitätsfindung eines regionalen Kollektivs, Historisches Seminar Universität Basel 1997.
Eine reichhaltige Sammlung an Dokumenten und Bildern, wie auch Interviews mit ehemaligen Aktivisten/innen, welche die zehn Jahre nach dem Kantonswechsel miteinbezieht, bietet das Buch Heinz Buser et al., Beschlüsse, Bilanzen, Bilder. Dokumente zum Kantonswechsel des Laufentals 1970-2003, Liestal 2004.
Zwei weitere Diplomarbeiten sollten nicht unerwähnt bleiben: Rolf Borner, Regionalismus in der Schweiz?: Das Fallbeispiel Laufental, Diplomarbeit Geographisches Institut der Universität Zürich, 1997; und erst kürzlich: Thomas Gisin, Die Laufentaler Bewegung in der Laufentalfrage 1978-1993: Organisation und Selbstverständnis, Lizentiatsarbeit Historisches Seminar Universität Basel, 2012.


Kiki Lutz, 20/10/2013
Letzte Aktualisierung: 3/12/2015